Vorträge

                            29.10.2019 - 19:00 Uni Witzenhausen (kleine Aula, Nordbahnhofstraße 1A)

Dr. Friederike Schmitz

                                                                             Vorwort von Dr. André Krebber

Tierethik und eine frische Perspektive auf alte Mensch-Tier-Verhältnisse

Menschen nutzen Tiere seit Jahrtausenden - als Nahrung, Arbeitskräfte, Versuchsobjekte, Haustiere und vieles mehr. Das heutige Ausmaß übertrifft allerdings frühere Zeiten bei weiten: Global töten wir pro Jahr allein für die Landwirtschaft etwa 60 Milliarden Landtiere und unvorstellbare 1-3 Billionen Meereslebewesen, Tendenz steigend. Die Biomasse unserer "Nutztiere" ist 15mal so groß wie die der verbleibenden wildlebenden Tiere, die derzeit in Massen aussterben. Es ist ziemlich klar, dass dieser Umgang mit Tieren geändert werden muss. Aber wie weit? Hier sind neben ökologischen Argumenten tierethische Überlegungen entscheidend. So gut wie allen Nutzungsformen von Tieren - auch z.B. der ökologischen Nutztierhaltung -, liegt die Überzeugung zugrunde, dass Tiere zwar Rücksicht verdienen, aber es trotzdem legitim ist, sie für unsere Zwecke in ihren Bedürfnissen einzuschränken und zu töten. Wie lässt sich diese Überzeugung rechtfertigen? Und wie argumentieren Tierrechtler*innen, die die Kategorie des "Nutztiers" grundsätzlich hinterfragen?


Der Vortrag stellt wichtige Positionen der aktuellen tierethischen Debatte vor, erklärt die praktischen Zusammenhänge mit Landwirtschaft und Ernährung und liefert Gründe für eine tiefgehende Neuausrichtung unseres Verhältnisses zu Tieren.

                               11.11.2019 - 19:00 Uni Kassel (HS5, Hörsaalzentrum II, Arnold-Bode-Str. 12)

Prof. Dr. Dr. h. c. Dieter Birnbacher

Tiere dürfen wir töten. Oder nicht?

In Deutschland bedrohen die Strafbestimmungen des Tierschutzgesetzes mit der für den Tierschutz vorgesehene Höchststrafe u. a. jeden, der ein Wirbeltiers ohne vernünftigen Grund tötet. Mit der Klausel "vernünftiger Grund" eröffnet das Recht Spielräume für eine flexible Anpassung der Rechtsprechung einerseits an die Dynamik der sachlichen Entwicklungen, andererseits der gesellschaftlichen Werthaltungen. Diese ändern sich gegenwärtig in Richtung auf eine stärkere Problematisierung der Tiertötung, insbesondere da, wo Tiere indirekt von menschlicher Nutzung betroffen sind, z. B. bei Eintagsküken, nicht verwendbaren genetisch veränderten Versuchstieren oder "überzähligen" Zootieren. Die philosophische Tierethik geht mit dieser Entwicklung weitgehend konform. Auch in ihr zeigt sich ein Trend zu Positionen, die eine Tötung von (höheren) Tieren kategorisch ausschließen.

Der Vortrag präsentiert die wichtigsten Stimmen im aktuellen Konzert der Auffassungen und ihre teilweise anfechtbaren Begründungen. Welcher Auffassung man auch letztlich zuneigt - die Debatte bestätigt Schopenhauers Slogan: "Moral predigen ist leicht, Moral begründen ist schwer."


27.11.2019 - 19:00 Uni Witzenhausen (große Aula, Nordbahnhofstraße 1A)

Dr. Kirsten Tönnies und Dr. Philipp von Gall, Moderation: Stefan Sander

Wen schützt das Tierschutzgesetz - Würste oder Schweine? Grundlagen und Defizite des Tierschutzgesetzes im Agrarbereich.

"Wer eine Tierquälerei begeht wird bestraft, wer sie tausendfach begeht, bleibt straflos und kann sogar noch mit staatlicher Subventionierung rechnen." Ist diese Darstellung der inkonsequenten Strafverfolgung bei Verstößen gegen Tierschutzbestimmungen berechtigt oder überzogen? Sicher ist, dass es im Tierschutzbereich in außergewöhnlich hohen Maße an konsequenter Rechtsdurchsetzung mangelt. Der Weg von der Gesetzgebung bis zum Vollzug ist lang und wird von zahlreichen Institutionen, Personen und Interessengruppen gestaltet. Das macht es schwer zu erkennen an welcher Stelle der größte Handlungsbedarf besteht.
Lässt das Tierschutzgesetz mit seinem Verbot der Zufügung von Leid "ohne vernünftigen Grund" zu viel Interpretationsspielraum und sollte es geändert werden? Führt lediglich die Auslegung des Gesetzes in der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung zu Gunsten der Wirtschaftlichkeit zur Untergrabung seines ethischen Anspruchs? Oder liegt das Problem eher in einer Verfahrensungleichheit und am Mangel einer öffentlichen Institution, die sich der Repräsentation tierlicher Interessen annimmt, während wirtschaftliche Interessen von einer starken Lobby vertreten werden? Was ist mit dem Personalmangel bei den Vollzugsbehörden und den engagierten Veterinärärzt*innen, die im Spannungsfeld zwischen tierlichen und Tiernutzungsinteressen darum kämpfen müssen , ihren Beruf sorgfältig ausüben zu können? Tierärztin Dr. Kirsten Tönnies und Agrarwissenschaftler Dr. Philipp von Gall diskutieren den aktuellen Stand und entscheidende Angriffspunkte für Veränderungen auf dem Weg zu einem besser funktionierenden staatlichen Tierschutz.


10.12.2019 - 18:00 Uni Kassel (HS4, Hörsaalzentrum II, Arnold-Bode-Str.12)

Maike Riedinger

Was wir über Tiere (nicht) erfahren. Der Geist der Tiere im Diskurs der (historischen) Tierforschung.

Populärwissenschaftliche Zeitschriften präsentieren in regelmäßigen Abständen unter Titeln wie "Tiere verstehen" oder "Wie Tiere denken" Berichte über gläubige Affen, künstlerisch begabte Vögel und andere Aspekte tierlicher Psychologie. Betritt man den Diskurs der ethologischen Tierforschung ist die zugrundeliegende Motivation tierlichen Verhaltens, ebenso wie die Frage ob und wie diese erschlossen werden kann, grundlegenderer Kritik ausgesetzt. Anthropomorphismus und Objektivität sind dabei wiederkehrende Themen, die sich durch den ethologischen Diskurs ziehen. Den Höhepunkt nahm diese Diskussion in dem wissenschaftstheoretischen Konzept des Behaviorismus, in dem tierliches Verhalten weitestgehend unter dem Blickwinkel von Reiz und Reaktion betrachtet wurde. Mit "What Would Animals Say If We Asked the Right Questions" von Lorraine Daston und mehreren anderen Werken rückt zunehmend die Frage nach den tatsächlichen Fähigkeiten von Tieren in den Hintergrund, zugunsten einer Auseinandersetzung damit, wie Wissen über Tiere in wissenschaftlichen Kontexten produziert wird. Dabei wird deutlich, dass (implizite) philosophische Überlegungen die Darstellung tierlicher Fähigkeiten ebenso mitbestimmen wie die Regeln des wissenschaftlichen Diskurses. Was erfahren wir über Tiere tatsächlich in der ethologischen Tierforschung und welche Aspekte tierlicher Psychologie sind nicht zugänglich? Der Vortrag geht diesen Fragen nach und wirft dabei einen Blick auf den Diskurs des letzten Jahrhunderts.


14.01.2020 - 19:00 Uni Witzenhausen (kleine Aula, Nordbahnhofstr. 1A)

Susanne Magdalena Karr

De/Kon/Struktion von Anderen - Zur Abwertung und Ausgrenzung von Menschen und nichtmenschlichen Tieren

Das Konzept der Kolonisation braucht die Position des "Anderen", um sich zu etablieren. Es schürt die Respektlosigkeit gegenüber dem intrinsischen Wert jedes Lebewesens und schafft Angst vor Vielfalt, die "den Anderen" in jeder Hinsicht zum perfekten Ziel von Abwertung, Ausgrenzung aus Privilegien und Gewalt macht. Diese Denkweise geht von einer voreingestellten, idealen "Normalität" aus, die von ihrer Prägung eurozentrisch und hierarchisch ist und von einem Standpunkt der Dominanz des weißen Mannes aus entsteht (vgl. Aph Ko & Syl Ko, 2017).

Dieser kolonialistische Standpunkt rechtfertigt, all jenen "Anderen" Gewalt und Grausamkeit aufzuzwingen - weil sie dieser Normalität nicht genügen (können). Diese Praktiken werden in gesellschaftlichen Diskursen zunehmend sichtbar und in Frage gestellt - zumindest im menschlichen Bereich, was leider nicht bedeutet, dass sie damit endgültig erledigt wären. Die Zuweisung in ein undefiniertes Reich des "Anderen" scheint mehr und mehr den Gesellschaften nichtmenschlicher Tiere zugeordnet zu sein. Andererseits zeigt die Zunahme von AktivistInnen und akademischen Disziplinen, die Lebewesen in all ihren Formen und Farben schätzen, die Präsenz und die Wirkung dieser Diskussionen. Hierarchien kämpfen wiederum als Reaktion darum, ihre Positionen zu verteidigen, oft mit Gewalt.

Hierarchieargumentationen wenden ähnliche Strategien an, unabhängig davon, ob sie Sexismus, Rassismus oder Speziezismus unterstützen. Sie nutzen falsche Zuschreibungen, Entwertung, (bewusste) Verweigerung von Fähigkeiten.

Dieser Gedanke wirft viele Fragen auf. Hier zwei von ihnen:

1) Der Prozess der Leugnung und Geheimhaltung der Bedingungen im agroindustriellen Komplex scheint ein Terrain aufzumachen, in dem unzensiert Angriffe gegen "den Anderen" ausgelebt werden können. Wie Carol Adams betonte, kann die Entwertung von Tieren mit der Entwertung von weiblich identifizierten Menschen einhergehen. Vergleiche von nicht-weißen Menschen mit Tieren folgen ähnlichen Dynamiken.

2) Die permanent laufende Tötungsmaschinerie verursacht eine beispiellos gewalttätige Atmosphäre, die menschliche und nichtmenschliche Gesellschaften unterschwellig durchzieht. Diese kann nicht einfach in Schlachthöfen entsorgt werden - um nur einen von mehreren Orten lebensfeindlicher Alltagspraktiken zu nennen.

Aus philosophischer Sicht wird die Frage, wie man mit der Ausbeutung und Tötung von Millionen fühlender Wesen umgeht, in der Annahme eines kausalen Zusammenhangs zwischen der Gewaltbereitschaft und dem psychischen Wohlbefinden von Gesellschaften eskalieren. Als Gegenbewegung schaffen anti-speziezistische, anti-rassistische und anti-sexistische Praktiken eine Atmosphäre der Konvivialität und Geselligkeit.


22.01.2020 Uni Kassel - 18:00 (HS4, Hörsaalzentrum II, Arnold-Bode-Str.12)

Marie Scheidmeir

Zwischen Tierliebe und Tierleid - Das Fleischparadox und wie wir damit umgehen

Durchschnittlich verzehrt ein Mensch im Laufe des Lebens knapp 1100 Tiere - je vier Rinder und Schafe, zwölf Gänse, 37 Enten, je 46 Schweine und Puten sowie 945 Hühner (Heinrich-Böll- Stiftung, 2018). Aufgrund des Ausmaßes, in welchem Fleisch produziert und konsumiert wird scheint es, als würden wir uns nicht um das Wohlbefinden von Tieren sorgen. Die meisten Menschen jedoch lehnen Tierleid ab, finden es emotional aufwühlend und moralisch verwerflich (Plous, 1993; Allen, Bekoff & Burghardt, 2002). Ungeachtet dieser Tatsachen, leben wir in einer Kultur, in welcher das Essen von Tieren in erster Linie als normal, natürlich und notwendig angesehen wird (Joy, 2011; Monteiro, Pfeiler, Patterson & Milburn, 2017; Piazza et al., 2015). Der Verzehr von Tieren bringt jedoch einen Konflikt mit sich: Einerseits haben die meisten Menschen den Wunsch, Tieren nicht zu schaden, andererseits entscheiden sie sich für eine Ernährungsweise, die Tierleid erzeugt (Loughnan, Bratanova & Puvia, 2012). Dieser Konflikt wird in der psychologischen Forschung als Fleischparadox bezeichnet (z. B. Loughnan, Bastian, & Haslam 2010, 2012; Joy, 2010; Bastian & Loughnan, 2016). Unabhängig davon, dass das Leid und der frühe Tod der Tiere mit den Überzeugungen der meisten Menschen darüber, wie diese behandelt werden sollten im Widerspruch stehen, hören die wenigsten Menschen auf Fleisch zu essen. Der Vortrag stellt die Entstehung, die Auswirkungen sowie den Umgang mit dem Fleischparadox vor und beleuchtet spezifische Emotionsregulationsstrategien, welche bei der Konfrontation mit dem Fleischparadox eingesetzt werden.


31.01.2020 - 19:00 Uni Witzenhausen (kleine Aula, Nordbahnhofstr. 1A)

Tom Zimmermann

Von 'Gemüseheiligen' und 'Veganarchist*innen' - Politische Strömungen in der Tierrechtsbewegung

Die Mensch-Tier-Verhältnisse der Moderne befinden sich scheinbar im Wandel. Fleischproduzierende stellen vegane Burger her, eine vegane Mensa eröffnet in Berlin. Mit Demonstrationen, Kundgebungen, Blockaden und vielen weiteren Aktionen bringen Aktivist*innen die Schreie der Tiere in den öffentlichen Raum. Selbst der wissenschaftliche
Elfenbeinturm, in dem Tiere lange Zeit nur als (Versuchs-)Objekte vorhanden waren, öffnet sich für neue Blickwinkel auf die tierlichen Mitbewohner*innen dieses Planeten.
Wer sich jedoch näher mit den Bewegungen für die Rechte der Tiere oder den Veganismus beschäftigt kann sich in den Weiten der scheinbar zersplitterten Bewegung verlieren. Von bürgerlichen Tierschützer*innen, esoterischen Veganer*innen, rechtsradikalen Tierrechtler*innen, bis hinzu Veganarchist*innen, marxistischen Tierbefreier*innen tummeln sich scheinbar die verschiedensten politischen Ansätze.
In einem ersten Teil wird sich der Vortrag in einer historischen Perspektive mit den Tierbewegungen des ausgehenden 19. und frühen 20. Jhd. beschäftigen. In einem Zweiten, werden aktuelle und zeitgeschichtliche Entwicklungen der Bewegungen nachverfolgt.


Vortrag ist leider ausgefallen

Prof. Dr. Rainer E. Wiedenmann

Testfall Animal Agency: zum Vergleich soziologischer Konzeptionen tierlichen Handelns

Von wenigen Ausnahmen abgesehen hat die Soziologie dem sozialen Handeln von Tieren lange Zeit kaum Beachtung geschenkt. Im Anschluss z.B. an Max Weber (1864-1920) wurde Tieren der Status sozial relevanter Akteure sogar oftmals explizit abgesprochen. In den letzten zwei, drei Jahrzehnten mehren sich freilich Stimmen, die diese human-soziologische Tiervergessenheit in Frage stellen und für einen diesbezüglichen Animal Turn plädieren. Zum Zweck eines Vergleichs der in dieser Hinsicht relevanten Handlungskonzepte werden zwei Analysedimensionen vorgestellt: Zum einen (a) wird gefragt, wie sich die verschiedenen Ansätze hinsichtlich der Frage der anthropologischen Differenz unterscheiden. Anders gesagt: Wird die Verteilung der handlungsrelevanten Potentiale in Mensch-Tier-Interaktionen eher asymmetrisch oder eher symmetrisch gedacht? Zum anderen (b) unterschieden sich die betreffenden Konzeptionen in ihrer handlungstheoretischen Grundausrichtung: Hier können "intentionalistische" den eher "relationistisch" angelegten Zugangsweisen gegenübergestellt werden. Der Vortrag schließt mit Überlegungen zu den Bedingungen und Aussichten eines soziologischen Animal Turn. Dabei zeichnet sich ab, dass die Beschäftigung mit tierlichen Agencies auch Chancen für einen neuen Zugang zur soziologischen Tradition eröffnen könnte.