Filme 2019/2020

16.12.2019 - 19:30 Capitol-Kino Witzenhausen

18.12.2019 - 19:00 Hörsaal 1, Diagonale 1, Uni Kassel

Kinofilm und Diskussion
Eintritt frei

Speciesism - The Movie

       (Original mit deutschen Untertiteln)


Teils Philosophie-Vorlesung, teils Tierrechts-Exposé, stellt Speciesism einen schmerzhaft linkischen, trampeligen Angriff auf Massentierhaltung, Fleischessen, Tierexperimente und menschliche Vorherrschaft dar. So viele Probleme, so wenig Zeit.

Der Mangel an Fokus lässt höchstens eine gekünstelte Zusammenfassung von Meinungen und Argumenten zu, gleichzeitig ist diese völlig konsistent mit dem geschockt-erstaunten Ton und der unwahrscheinlichen Naivität des Filmemachers und Regisseurs, Mark Devries (Wenn er sagt "Industiell? Tierhaltung?" ist es so als hätte er nie davon gehört.). Fasziniert von dem Begriff "Speziesismus", der zum ersten Mal in den 1970ern vom britischen Psychologen Richard Ryder verwendet wurde und der ein Glaubenssystem beschreibt, in dem menschliche Interessen wertvoller sind als die Interessen anderer Spezies, wird Mr. Devries unser aufrichtiger Reiseführer auf dem Weg seiner eigenen moralischen Entwicklung.

Es ist eine Zick-Zack-Reise, die von medienwirksamen Kampagnen von Tierrechtsgruppen bis zu Schweinefarmen in North-Carolina schlingert, wo Anlieger*innen auf Gülle-verseuchte Luft und Gülle-verseuchtes Grundwasser schimpfen. Boxenstopps bei der Amerikaischen Nazi-Partei und dem Simon Wiesenthal Center (wo Mr. Devries freundlich darauf hingewiesen wird, dass der Vergleich der Massentierhaltung mit dem Holocaust zu weit geht) wechseln sich ab mit (wenigen) bedrückenden Aufnahmen von geschredderten Kücken und Kühen, die in ihren eigenen Exkrementen waten.

Wir haben die Sünden der Agrarindustrie schon in eleganteren Filmen gesehen, aber Mr. Devries, 26 Jahre (und nur 20 als er begann den Film zu drehen), beschränkt sich nicht darauf Bauern und Futterplatzvorarbeiter zu belästigen. Überzeugte Veganer*innen, namenhafte Moralphilosoph*innen und andere spielen mit rein (obwohl traurigerweise weder George Orwell, noch "Planet der Affen" vorkommen, um darauf hinzudeuten, dass sich Speziesismus vielleicht nicht nur auf Menschen beschränkt). Mr. Devries "kurze-Aufmerksamkeitsspannen-Stil" mag sich durch den ganzen Film ziehen, aber niemand könnte sagen, er wäre gleichgültig.

(Jeannette Catsouli, 13.11.2013 - New York Times)

20.01.2020 - 19:30 Capitol Kino Witzenhausen

29.01.2010 - 19:00 Hörsaal 1, Diagonale 1, Uni Kassel

Kinofilm und Diskussion
Eintritt frei

The Animals

(Original mit deutschen Untertiteln)

[...] Wenn es etwas gibt, dass die allgegenwärtige Ironie des Kultfilms übertreffen kann, wäre es vielleicht eine lehrhafte Ouvertüre, die nur als seltener Underground-Kultfilm in Erscheinung tritt. Brian Springers "Spin" (1995) ist sicher ein Beispiel, eine chomskische Dokumentation, zusammengeflickt aus flüchtigen Satelliten-Video Eingaben, die die triviale Skrupellosigkeit hinter den 1992er presidentialen Kampagnen offenbart. Victor Schonfeld und Myriam Alaux's entsetzlicher Film "The Animals" (1981) ist sicherlich ein weiteres Beispiel. Eine britische Tierrechts-Dokumentation, die nicht bloß ein Apell zur Unterbindung von Tierquälerei, sondern eine Kritik an Speziesismus und an der Objektifizierung mittels Kommerzialisierung des Lebens selbst ist. [...] Während die Talking Heads auf dem Soundtrack didaktisch "I need something to change your mind" singen, beginnt der Film mit einer Montage von Aufnahmen kaltschnäuziger Tierschlachtungen. Englische Kinder stapeln fröhlich die Leichen frisch erschlagener Hasen einer Tagesjagt übereinander. Eine in einem Plastik-Gestell festgespannte Ratte wird in einem Labor für esoterische Versuche zentrifugiert und bedampft. Dann geht es um Sport, bei dem Absurdität und Grausamkeit zusammenkommen, als Pferden beim Jagdrennen die Beine brechen und domestizierte Strauße unter der Last absurder Rennwettbewerbe zusammenbrechen.

[...] Unsere Beziehungen zu Tieren sorgen gleichzeitig für Ojektifizierung und Sentimentalisierung. Diese Dualität wird in der nächsten Sequenz deutlich, die überfahrene Katzen in der Stadt und leblose, flauschige Kuscheltiere aus Baumwolle und Kunststoffen in der nächsten Spielwarenhandlung kontrastiert. Ob als Haustiere, Geschenke, für Profite, Nahrung, zur Belustigung oder als Leder und Fell, sind Tiere [...] nur Behälter die einfachen Sentimentalismus hervorrufen oder die Befremdung der Menschheit von der organischen Realität befeuern.

Die absichtlich nüchterne Kommentierung von Julie Christie vermischt Wut mit Ungläubigkeit. Eine Sequenz in der die Arbeit von Hundefängern, die Ihre Beute zum Einschläfern bringen, gezeigt wird, offenbart die Scheinheiligkeit dieser Humanität. Die Hundefänger sorgen "human" für die Tiere, die sie einsammeln, trotzdem müssen sie das Einschläfern  entweder als notwendig oder als eine Euthanasie im Interesse der Tiere rechtfertigen.[...]

Bei der Dokumentation der industriellen Produktion von Fleischwaren, erinnert der Film in der ersten Hälfte zum Teil an Frederick Wiseman's "Meat" (1976), welcher Szenen aus dem Schlachthaus und die alltäglichen Geschäfte dessen Besitzers vermischt, um mit dem genialen menschlichen Triumph zu enden: perfekt-runde Rinderburger, die auf ein Förderband gepresst werden. [...] Wir wissen, dass unsere Rinderburger ihren Ursprung in Hobbe'scher Garstigkeit haben, aber unsere Industrien entpuppen sich als sadistischer als jeglicher neutraler Naturzustand. Wir bezeugen Ställe mit verdammten Kühe, die durch Seen ihrer eigenen fermentierenden Ausscheidungen waten, ohne einen Ausweg. Festgebundene Kälber werden auf eisenarme Diäten gesetzt, um Anämie, chronischen Durchfall und zartes Fleisch zu garantieren. [...]

Der graphische Schwerpunkt des Films verhindert nicht die nuancenreiche Präsentation der Tierrechtsbewegung. In der Mitte betont er den Zwiespalt zwischen kompromissbereiten "Traditionalisten", die gefühlsschweren Reden den Vortritt lassen und progressiven "Aktivisten", die argumentieren, dass Spezisismus als eine so fundamental irrationale Kraft wie Rassismus nur vorgibt eine logische Erweiterung des Eigeninteresses der Menschheit zu sein. Nicht weiter überraschend, stoßen die neu-marxistischen Argumente der Progressiven auf taube Ohren, während der Pathos der Traditionalisten - der sich oft an anthropomorpher Sentimentalität bedient - größeren gesellschaftlichen Einfluss hat.

Die berührendsten Szenen sind tatsächlich nicht, wie vielleicht zu erwarten wäre die blutigsten, die wir schon woanders einmal gesehen haben [...]. In einem Interview [...] bemerkt Schonfeld, dass das Publikum während der Kinoaufführungen am stärksten auf Szenen reagiert hat, in denen junge Kücken der Schnabel gekürzt wurde, indem ihr Kopf an ein Schnabel-schneidendes Scharnier gedrückt wird, das vielleicht genauso leicht Flaschen öffnen könnte.

Meiner Meinung nach gehört zu den verstörendsten Aufnahmen das Einsetzen einer Fistel in ein fixiertens Lamm. Sein Abdomen ist weit aufgebohrt für das Einsetzen von Schläuchen zum Pumpen und Gewinnen von Verdauungssäften, und zwar für den Rest seines Lebens von fünf bis sechs Jahren.

Das Eindrucksvollste Bild jedoch, beschließt die letzte Szene einer Waljagd, die mit einer Flut endet, die blutrote Wellen an den Strand spült. Das maritime Blutbad vermittelt keine Melvill'sche Poesie: das ist nicht das Abbild einer Menschheit, die sehnsüchtig in die Tiefen des Unbekannten blickt, sondern eine künstliche Blutigkeit, die uns einhüllt und uns mit unserer Entweihung der Natur verfolgt. (Andrew Grossman - 10.10.2013, Popmatters.com )